Mi
22
Feb
2012
Dun-Hag Newsletter Nummer 3
Herzlich Willkommen zum dritten Dun-Hag Newsletter.
Vielen Dank für deinen Kommentar, Harald, zum vorwöchigen Newsletter; und natürlich auch für eure tatkräftige Mithilfe am Hof!
Warum haben wir das Projekt Dun-Hag ins Leben gerufen?
Im Zuge unserer Reisen haben wir einige Gemeinschaften und Ökodörfer besucht, jedoch keine für uns passende gefunden. Dann waren wir drei Jahre lang damit beschäftigt, unseren Hof, die Gebäude und auch die Landwirtschaft, in Schwung zu bekommen und das Thema Gemeinschaft wurde in den Hintergrund gedrängt. Nachdem wir dann voriges Jahr die gröbsten Brocken aus dem Weg geräumt hatten, stellte sich aber schon sehr bald wieder die Frage nach der Zukunft, wie man denn der Herausforderung Peak-Oil begegnen kann. Harald hat vor ein paar Tagen den sehr passenden Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Auch unsere Nachkommen werden in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten an unsere Generation die berechtigte Frage stellen: Habt ihr denn von der schreienden Ungerechtigkeit des herrschenden Systems nichts mitbekommen, oder habt ihr die Bequemlichkeit über euer Gewissen gestellt? Warum habt ihr nichts getan? Und wenn ihr etwas getan habt, war es genug?
Was auf Dun-Hag letzte Woche geschah:
Die Waldarbeit wurde fortgesetzt, wenn auch nur für ein paar Stunden. Wenn man kein Profi bei der Waldarbeit ist, empfiehlt es sich aus Sicherheitsgründen, wirklich nur gut ausgeruht und dann auch nur für ein paar Stunden pro Tag (bei uns 4-5 Stunden) mit der Motorsäge zu arbeiten. Die Forstarbeit ist die mit Abstand gefährlichste Arbeit auf unserem Hof und wir haben gehörigen Respekt vor den Risiken bei der Holzarbeit. Sie stellt auch große Anforderungen an die Kondition und Konzentration jedes Einzelnen. Deshalb steht bei uns immer die Sicherheit im Vordergrund und Zeitdruck oder übertriebener Ehrgeiz sind hier fehl am Platz. Obwohl ich schon einige praktische Erfahrung hatte, war daher eine fundierte Ausbildung für die Forstarbeit einer der ersten Kurse nach Erwerb der Landwirtschaft. Die Forstliche Ausbildungsstätte Pichl bietet eine breite Palette an Kursen rund um das Thema Wald und Holz an. Auch und gerade wenn noch keine Vorkenntnisse vorhanden sind, sind solche oder ähnliche Kurse in anderen Ausbildungseinrichtungen wärmstens zu empfehlen. Natürlich gebe ich mein Wissen und meine Erfahrung auch sehr gerne im Rahmen einer gemeinsamen Waldarbeit auf Dun-Hag weiter, mein bescheidenes Wissen nach drei Wintern im eigenen Wald lässt sich aber nicht mit dem eines Profiausbildners oder eines langjährigen Forstwirtes vergleichen. Dafür ist es mir wichtig, das Erlebnis Waldarbeit zu einem angenehmen und befriedigenden zu machen und die schönen Aspekte der Arbeit in der Natur zu betonen.
Um nicht gänzlich auf eine Außenwirkung zu verzichten und unser Umfeld resilienter zu gestalten, versuchen wir mit mehreren Mitstreitern eine lokale Transition-Initiative in unserer Region auf die Beine zu stellen. Das Konzept von Transition als einer Bewegung, die versucht, von unten nach oben Wirkung zu entfalten, spricht uns stark an. Gemeinden und Städte autarker zu machen, vor allem auf den Gebieten Energie, Nahrungsmittel und Soziales, kann in der Zukunft nur ein Plus sein. Nach zwei Treffen und einem gemeinsamen Filmabend beginnen sich in der Gruppe schön langsam Strukturen herauszubilden. Wohin die Reise gehen wird, ist im Moment aber noch offen. Das sehe ich als eine weitere Stärke der Transition-Bewegung, es gibt keine Formel oder Erfolgsrezepte, sondern nur eine Auswahl an bewährten Werkzeugen für die Umsetzung von eigenen Ideen, die immer an die regionalen Besonderheiten und lokalen Gegebenheiten jeder Region angepasst werden. Mittlerweile über eintausend Initiativen unter dem Dach der Transition-Bewegung sprechen für den Erfolg des Modells. Sobald es konkrete Aktivitäten gibt, werde ich in den Newslettern davon berichten.
Themen die uns beschäftigen:
Das Thema Holzgas muss noch eingehender untersucht werden, bevor eine Entscheidung für oder gegen ein praktisches Engagement gefällt werden kann. Prinzipiell ist Holz der einzige primäre Energieträger, der auf Dun-Hag in ausreichender Menge vorhanden ist. Zugegebenermaßen nicht auf dem derzeitigen Niveau des Energieverbrauchs, jedoch langfristig gesehen in ausreichender Menge für ein gutes Leben.
Wie sieht es denn mit Primärenergie bei uns aus?
Wasserkraft: Leider nein. Der nächste Fluss ist mehr als 4 Kilometer entfernt.
Windenergie kommt nicht infrage, so sehr wir sonst die begünstigte Lage unseres Mikroklimas zu schätzen wissen, macht wegen der angenehmen Windarmut ein Windrad auf unserem Grundstück absolut keinen Sinn. Gut für Windräder geeignet wäre eine Anhöhe in etwa einem Kilometer Entfernung, derzeit illusorisch, aber als Möglichkeit im Hinterkopf.
Für Fotovoltaik gilt der Spruch: Was du nicht selbst reparieren kannst, gehört dir nicht. Weder ist eine lokale Herstellung von Solarzellen denkbar, noch können viele für einen Betrieb nötige Teile selbst repariert werden. Unser Fazit der Fotovoltaik, das wir sehr gerne mit euch diskutieren: Derzeit eine sinnvolle Investition als Insellösung und Brücke in eine nachhaltigere Energiezukunft, langfristig bei der von uns erwarteten gesamtgesellschaftlichen Entwicklung als Technologie aber weit weniger wichtig, als derzeit landauf-landab propagiert.
Verbleibt also nur Holz bzw. Biomasse als Energieträger, zumindest an unserem derzeitigen Standort. Ein großer Vorteil ist die relativ leichte Ernte, seit Jahrtausenden selbst unter primitivsten Verhältnissen zu bewerkstelligen. Weiters die kurzen Transportwege und der relative lokale Reichtum. Technologie zur Nutzung von Holz ist ebenfalls tausende Jahre alt und reicht von einem einfachen Lehmbackofen bis zu einem modernen, energieeffizienten Holzvergaserofen. Auch die Produktion von Holzgas kann in einfachen, von jedem begabten Metallwerker ohne größeren Aufwand herzustellenden Anlagen bewerkstelligt werden, die auch selbst repariert werden können.
Die Technologie der Holzgasherstellung ist mehr als hundert Jahre alt und schon eine einfache Schnittzeichnung durch eine alte Maschine macht das allgemeine Prinzip klar und kann als Anleitung für eigene Versuche dienen. Zudem lässt sich Holzgas ohne größere Umbauten in gewöhnlichen (älteren) Verbrennungsmotoren verwenden, jeder gut sortierte Schrottplatz verwandelt sich in einen Schauraum.
Ein weiterer Vorteil ist der ökonomische. Ein Prospekt, (dessen Angaben noch genau überprüft werden müssen, die auf den ersten Blick aber glaubhaft wirken,) spricht von Errichtungskosten von ein bis zwei Euro pro Watt - das entspricht einer Ersparnis von 80% gegenüber vergleichbaren Solar- oder Windkraftanlagen - und von Stromkosten von 1.5 - 4 Cent pro Kilowattstunde.
Der größte Nachteil von Holz als Energieträger ist die vergleichsweise geringe Energiedichte im Verhältnis zum Gewicht. Das spielt vor allem bei Fahrzeugen eine große Rolle. Im Prinzip ist ein Holzgasfahrzeug von der Reichweite mit einem modernen Elektroauto vergleichbar, weit abgeschlagen hinter einem Benzin- oder Dieselmodell. Ein weiterer Nachteil ist der Arbeitsaufwand im Betrieb. Eine Holzheizung erfordert prinzipiell mehr Arbeitsaufwand als eine Gaszentralheizung beispielsweise, vom Aufwand zur Betreibung eines Holzgasfahrzeugs ganz zu schweigen. Und natürlich kann Holz von der Menge niemals den derzeitigen Verbrauch an fossilen Brennstoffen ersetzen, aber das kann sowieso kein anderer Energieträger auch nur annähernd.
Kontemplation:
Wo sind die Arche-Gemeinschaften?
John Michael Greer, 18. April 2007
Seit sich die ersten Zweifel an der langfristigen Überlebensfähigkeit unserer Industriegesellschaft in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts gebildet hatten, war einer der meistwiederholten Vorschläge, um etwas zu unternehmen, der Bau von Arche-Gemeinschaften. Autarke Siedlungen, ausgestattet mit den nötigen Ressourcen und Technologien, um das Ende des Industriezeitalters zu überdauern. Klassiker der 70er Jahre Literatur wie Roberto Vaccas "The Coming Dark Age" erläutern solche Gemeinschaften im Detail. Die gleichen Diskussionen wurden im letzten Jahrzehnt, seit sich die Grenzen des Wachstums mit Peak-Oil erneut in unser Blickfeld geschoben haben, wieder aufgenommen und erheblich ausgedehnt.
Das ist ein einleuchtender Gedanke, mit dem Vorteil, dass es bewährte historische Vorbilder gibt, die solchen Vorschlägen Glaubwürdigkeit verleihen. Während und noch lange nach dem Fall des Römischen Reichs waren christliche Klöster lebende Zeitkapseln, in denen viele Schätze der klassischen Kulturen die Jahrhunderte sicher überdauerten. Buddhistische Klöster hatten im feudalen Japan dieselbe Funktion, buddhistische und taoistische Klöster wechselten sich während Chinas sich wiederholender Zyklen des Aufstiegs und Niedergangs in dieser Rolle ebenfalls ab. Es ist ganz und gar nicht unwahrscheinlich, dass ein ähnliches Projekt das Beste unserer modernen Zivilisation als ein Vermächtnis an zukünftige Zeitalter retten könnte.
Es ist jedoch merkwürdig, dass all die vielen gegenwärtigen Diskussionen über Rettungsboot-Gemeinschaften erst noch zu einem Ergebnis in Form von tatsächlichen Gemeinschaften führen müssen. Ich kenne mehrere Gruppen, die ernsthaft versuchen, das Geld, die Leute und andere Ressourcen zur Verwirklichung eines solchen Projekts zusammenzubringen, und zweifellos gibt es noch andere, die schlau genug sind, so ein Projekt zu verfolgen, ohne mich oder andere darüber zu informieren. Für die überwiegende Mehrzahl der Menschen jedoch, die über solche Gemeinschaften reden, ist reden aber auch schon das einzige Resultat. Es wäre nun ein Leichtes, das als ein weiteres Beispiel für die weitverbreitete menschliche Schwäche zu sehen, dass Worte nur Schall und Rauch sind. Das ist auch zweifellos richtig, ich bin jedoch überzeugt, dass dahinter mehr steckt.
Teilweise ist es natürlich dieselbe Bruchlinie zwischen Wissen und Tun, die jeden Teilaspekt der Zukunft unserer industriellen Zivilisation durchzieht. In Diskussionen über Peak-Oil oder jede andere derzeitige Krise unserer industrialisierten Gesellschaft werden immer wieder dieselben theoretischen Lösungsmöglichkeiten heruntergebetet, so als ob schon ihre Erwähnung alleine genügen würde, um alle Probleme zu lösen. Solarenergie, Biodiesel, Fusionsreaktoren, schnelle Brüter oder die mythische "Freie Energie" (die derzeitige Lieblingsvariante des Perpetuum mobile) werden uns schon aus der Patsche helfen - zumindest habe ich das immer und immer wieder von Leuten gehört, die überhaupt nichts unternehmen, um bei der Realisierung dieser Dinge mitzuarbeiten. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich wohl genau so oft über die Schlechtigkeit unserer Zivilisation belehrt wurde, und über die Unausweichlichkeit des Zusammenbruchs und der Rückkehr des Jägers und Sammlers. Meistens von Leuten, deren völliger Mangel an körperlicher Fitness und Erfahrung in der Wildnis ein Garant dafür ist, dass ein Befolgen ihres eigenen Ratschlags und das Eintauchen in die Wildnis zu einem schnellen und unschönen Tod führen würden.
Heimliche Wunschträume spielen in der Debatte über das Überleben der Industriegesellschaft eine viel größere Rolle, als sich die Teilnehmer eingestehen wollen, das Konzept der Rettungsboot-Gemeinschaft bildet keine Ausnahme. Wie viele Science-Fiction Romane, Kinofilme oder TV Sendungen hatten in den letzten fünfzig Jahren eine isolierte Gemeinschaft von Überlebenden zum Inhalt, deren heroischer Kampf um den Wiederaufbau der Zivilisation nach einer globalen Katastrophe den Mittelpunkt bildet? Ob wir es mögen oder nicht, solche Bilder bewegen sich durch die Köpfe von uns allen. Es ist daher von entscheidender Wichtigkeit, sich ihres starken Einflusses bewusst zu sein, wenn wir eine plausible von einer fantasierten Zukunft unterscheiden wollen.
Im vorliegenden Fall ist das ganz besonders wichtig, denn das Konzept einer Rettungsboot-Gemeinschaft hat sehr tiefe Wurzeln in der amerikanischen Kultur. Seit den Zeiten der Kolonialisierung hat es immer wieder Gruppen von unzufriedenen Menschen aus allen politischen, religiösen oder intellektuellen Lagern gegeben, die Gemeinschaften in der Wildnis gegründet haben. Sehr oft war der Kern ihrer Motivation die Überzeugung, dass die Apokalypse kurz bevorsteht. Es gibt eine direkte Linie kultureller Kontinuität von den Rosenkreuzer-Gemeinschaften des kolonialen Pennsylvaniens geradewegs durch die Transzendentalisten, die Mormomen, die Gegenkultur der Sechziger und jede andere Gruppe von Träumern, die davon überzeugt war, dass sie eine bessere Welt erschaffen können, wenn sie sich so wie Huckleberry Finn einfach hinaus in die Wildnis begeben und eine solche Welt aufbauen.
Aus dieser Perspektive betrachtet ist Peak-Oil – und die ganze gegenwärtige Krise unserer industriellen Zivilisation – einfach nur eine weitere Ausrede für unzufriedene Amerikaner, davon zu träumen, wovon Generation um Generation in den letzten drei Jahrhunderten geträumt hat. Dass es allerdings so wenige Versuche gibt, diese Träume Realität werden zu lassen, hat einen recht einfachen Grund: die Sechziger Jahre. Sehr viele Leute können sich heute noch sehr gut daran erinnern, was geschah, als eine große Zahl von jungen Menschen aus der weißen Mittelklasse die Städte als Zentren der Gegenkultur verließen und eine neue Gesellschaft aufzubauen versuchten, verstreut über das ländliche Amerika.
Es war ein großartiges Experiment, in Summe aber ein gescheitertes und die tiefere Ursache des Scheiterns ist lehrreich. Von den vielen tausend jungen Kommunarden, die sich auf dem Lande ansiedelten, hatten nur verschwindend wenige eine Ahnung, wie viel harte Arbeit es bedeutet, sich mit Lebensmitteln selbst zu versorgen. Nicht viel mehr hatten mehr als nur rudimentäre Kenntnisse in der Selbstversorgung mit anderen Lebensnotwendigkeiten, ein technisch komplexes und anspruchsvolles Wissensgebiet. Mit einem halb gelesenen Buch in einer Hand in einem Gemüsebeet herumzustochern genügt leider nicht. Idyllische Hirngespinste über das simple Leben am Busen der Natur hatten einen Frontalcrash mit der harten Realität, einer Realität, in der ein Leben in einer von fossilen Brennstoffen angetriebenen Industriegesellschaft so viel einfacher ist als die Subsistenzwirtschaft auf dem Niveau der Dritten Welt. Im Angesicht dieses Dilemmas lernten die meisten Kommunen der Sechziger Jahre sehr schnell, wie sie entweder von den Almosen der von ihnen verachteten Gesellschaft leben konnten, finanzierten sich durch den Handel mit Drogen oder anderen zwielichten Geschäften oder sie ließen schnell noch ein paar Luftblasen steigen, bevor sie sang- und klanglos untergingen, nachdem sich der Enthusiasmus im Überschwang des naiven Idealismus schnell verflüchtigte.
Dieselben Herausforderungen warten auf potenzielle Rettungsboot-Gemeinschaften in der Gegenwart, einer Zeit auf der wackeligen Spitze mit einem Blick auf den Abgrund jenseits des Peak-Oil. Jeder, der sich auf der Suche nach dem idyllischen Landleben – Selbstversorgung inklusive – befindet, muss sein Verlangen nach einem modernen Lebensstil vor dem Eintritt in das neue Leben sehr genau untersuchen und bereit sein, diesen gegen den Lebensstandard eines Bauern der Dritten Welt einzutauschen. Wenn eine adäquate Ausbildung gegeben ist, verbunden mit gründlicher Übung und eine hohe Toleranz für tägliche harte Arbeit vorhanden ist, dann kann eine Gruppe von Erwachsenen plus ihre Kinder sich adäquat ernähren, kleiden, wohnen und mit Werkzeugen selbst versorgen und sogar noch einen kleinen Überschuss für den Tauschhandel erwirtschaften; ein Lebensmodell, dass für viele tausend Jahre in den meisten Teilen der Welt die gängige Praxis war und ist. Und wenn die kurze Ära des Überflusses an fossilen Brennstoffen, auch moderne industrielle Zivilisation genannt, vorbei ist, wird genau das wieder der übliche Lebensstil sein. Verglichen mit der Bequemlichkeit, dem Komfort, den Möglichkeiten und dem Überfluss eines modernen Mittelklasselebens jedoch ist das Schicksal eines Subsistenzbauerns ziemlich mühsam.
Wenn die industrialisierte Welt einen schnellen Kollaps erfahren würde, wie es von so vielen in den Siebzigern erwartet wurde und wie es auch heute wieder diskutiert wird, dann wäre der Übergang von einem modernen Lebensstil zu einem zukunftsfähigen um vieles leichter. Mit dem unabwendbaren Verlust des vertrauten, komfortablen Lebensstiles und sich ständig verschlechternden Zukunftsaussichten konfrontiert, würden viele Leute sich mit den Schwierigkeiten eines Lebens als Subsistenzbauer abfinden und sich schließlich sogar der positiven Seiten eines solchen Daseins erfreuen. Wie ich jedoch schon an anderer Stelle erläutert habe, ist das eine Aussicht, auf die wir leider nicht zählen können.
Stattdessen ist der wahrscheinlichste Verlauf des Niedergangs und Untergangs unserer industrialisierten Zivilisation ein zyklischer Prozess, in dem Atempausen und Perioden der teilweisen Erholung den Niedergang in das dunkle Zeitalter einer deindustrialisierten Zukunft zwar immer wieder unterbrechen, aber nicht umkehren können. Wie viele konnten denn in den Achtziger Jahren die Verpflichtung zu harter und wenig bedankter Arbeit im Rahmen einer Subsistenzwirtschaft durchhalten, als die Energiepreise wieder sanken, die Vorräte unerschöpflich schienen und die Lektionen der letzten Energiekrise zumindest zeitweilig in Vergessenheit gerieten? Wenn der weltweite Engpass an Erdöl zu einem Schrumpfen der Wirtschaft führt und dadurch die Nachfrage nach Erdöl und auch der Preis sinkt, ist eine Periode wie in den Achtzigern das wahrscheinlichste Resultat.
Die Schlussfolgerung aus all dem Gesagten deutet auf das zentrale Problem aller geplanten Rettungsboot-Gemeinschaften hin: die Motivation. Dieselben Schlüsse hätten aus den historischen Parallelen, die diese Projekte stützen, gezogen werden können. Die christlichen Klöster, die das Wissen des klassischen Altertums im letzten dunklen Zeitalter bewahrt und beschützt haben, waren schließlich nicht von Menschen bevölkert, die den Lebensstil der römischen Mittelklasse erhalten wollten, während rund um sie die Welt auseinanderfiel. Ganz im Gegenteil, die Mönche und Nonnen, die alte Texte kopierten, an Klosterschulen unterrichteten und die Flamme der westlichen Zivilisation an einem Tiefpunkt ähnlich dem Fall Mykenes am Brennen hielten, nahmen freiwillig einen Lebensstil an, der sogar noch ärmlicher und eingeschränkter war als der der Bauern, unter denen sie lebten. Genau dasselbe gilt für die buddhistischen und taoistischen Klöster, die die gleiche lebenswichtige Aufgabe an anderer Stelle zu anderen Zeiten erfüllten. Es ist wohl genau diese Bereitschaft zur extremen Armut, die die Freiräume schuf, um die wirtschaftlich unproduktive Tätigkeit der Rettung des kulturellen Erbes einer Zivilisation erst zu ermöglichen.
Welche Motivation die Anhänger Benedikts von Nursia, Kobo Daishis oder Zhang Daolings hatten, könnte wohl einer der entscheidenden Puzzlesteine sein, der in den gegenwärtigen Diskussionen um Arche-Gemeinschaften fehlt, und vielleicht sogar in der ganzen Krise unserer industriellen Zivilisation. Um diese Möglichkeit näher zu untersuchen, müssen wir einen genaueren Blick auf einen der am wenigsten verstandenen und zugegebenermaßen gestörtesten Aspekte unserer modernen Kultur werfen und über die Rolle von Religion im Zusammenhang mit Peak-Oil sprechen.
Mi
15
Feb
2012
Dun-Hag Newsletter Nummer 2
Herzlich Willkommen zum zweiten Dun-Hag Newsletter.
Vielen Dank für eure Kommentare, Gabi und Thomas, zum vorwöchigen Newsletter!
Was bezwecken wir eigentlich mit diesem Newsletter?
Wir wollen euch über die Geschehnisse auf dem Hof auf dem Laufenden halten, das gilt speziell für alle etwas weiter weg lebenden Interessenten, die keine Gelegenheit haben, uns zwischendurch zu besuchen. So lernt ihr auch die Arbeiten im Jahreslauf näher kennen, diese sind ein integraler Bestandteil eines Lebens hier am Hof.
Wir wollen euch in die Planung der div. Projekte auf dem Hof einbinden, erhoffen uns auch Ideen und Impulse von euch und freuen uns über Anregungen und Hilfe.
Ihr lernt uns besser kennen, welche Themen uns beschäftigen, welche Ansichten wir haben und wohin die gemeinsame Reise gehen soll und ob ihr einen Teil des Weges gemeinsam mit uns gehen wollt.
Der letzte Punkt soll aber keine Einbahnstraße sein, daher noch mal die Aufforderung, euch mit Kommentaren und Beiträgen zu beteiligen. Was beschäftigt euch derzeit, was im weitesten Sinn mit unserem Projekt zu tun hat, wo seid ihr anderer Meinung als wir und welche Themen fehlen euch bis jetzt?
Holzarbeit ist derzeit ein großes Thema, siehe auch weiter unten. An dieser Stelle ein Aufruf an alle Interessierten zur Mitarbeit, jede Hilfe ist herzlich willkommen.
Was auf Dun-Hag letzte Woche geschah:
In der Werkstatt werden die ersten Pflanzen für eine Aussaat im Frühbeet vorgezogen. Salat, Kohlrabi, Lauch, Sellerie und Pak Choi machen den Anfang im Gartenjahr.
Unsere Hühnerschar hat sich stabilisiert, offenbar hat sich eine neue Hackordnung unter den Hähnen etabliert und der Stress ist dadurch gesunken.
Dafür kommt unser Freilandexperiment mit den Kaninchen zu einem jähen Ende, die Katzenhorde unseres Nachbarn (beim letzten Stand 14 Stück) hat plötzlich die Jagdsaison eröffnet und sogar unsere bis jetzt friedliche Hofkatze mussten wir mit unerwartet hohem Kraftaufwand von einem Kaninchen, das größer als sie ist, heruntertrennen, nachdem sie sich in dieses verbissen hatte. Mit Beginn der Gartensaison im Freiland hätten wir die Kaninchen sowieso wieder eingefangen, jetzt müssen wir die verbliebenen Kaninchen halt etwas früher ins Gehege zurück verfrachten und hoffen, dass die Katzen sie dort in Ruhe lassen. Das Einfangen wird noch ein spannendes Spiel, bei dem wir sicher ordentlich außer Atem kommen werden.
Winterzeit ist Waldzeit in Dun-Hag, letzte Woche begann die Holzernte für die Heizsaison 2013/14. Das Holz für den nächsten Winter liegt schon ein Jahr im Wald und wird in nächster Zeit zum Ablängen und Aufspalten aus dem Wald geholt. Jetzt wird das Brennholz für übernächsten Winter geschnitten, etwa 20m³, circa zur Hälfte Hart- und Weichholz, sind für eine Heizsaison nötig.
Wir machen natürlich keinen Kahlschlag, sondern eine Einzelbaumentnahme bzw. hat sich durch die lange Nichtbewirtschaftung des Vorbesitzers eine Menge Totholz angesammelt, deren Aufarbeitung und Nutzung sicher noch einige Jahre dauern wird. Da mir der Schnitt eines gesunden, alten Baumes sehr leid tut, ist das ganz in meinem Sinne. Solange der Wald jedes Jahr durch Windbruch u.ä. freiwillig genug Holz für uns hergibt, werden gesunde Bäume in Ruhe gelassen. Diese Einstellung mag vielleicht etwas seltsam anmuten, für mich hat ein großer Baum aber einen enormen Stellenwert und sollte nicht achtlos gefällt werden. Durch den bewussten Verzicht auf Traktor und Seilwinde zur Holzbringung und eines Holzspalters zur Aufarbeitung dauert die Arbeit natürlich um vieles länger, ersetzt aber anderseits für einen Großteil des Jahres jegliches Fitnesstraining zur körperlichen Ertüchtigung. Paradoxerweise ist also der Verzicht auf Arbeitserleichterung durch Maschinen in gewissem Sinn ein Luxus, den ich mir derzeit einfach gönne, solange mich wirtschaftliche Erwägungen nicht zum Gegenteil zwingen. Siehe dazu auch die dieswöchige Kontemplation.
In der Praxis bedeutet das, dass anstatt von wenigen Tagen maschineller Holzernte uns das Thema Holz zum Heizen mehr oder weniger das ganze Jahr über immer wieder mal beschäftigt, jede Woche ein paar Stunden, wenn es die Zeit erlaubt. Das erinnert einen dafür auch andererseits immer wieder selbst in der Sommerhitze an den kalten Winter und an die Notwendigkeit zum langfristigen Vorausplanen in unserem Klima. Ich denke, dass unser Klima durchaus auch unseren Charakter beeinflusst. Menschen in warmen Ländern mit rund-ums-Jahr Ernte und keinem Heizbedarf sind allein deshalb lockerer – oder in europäischen Augen chaotischer und unzuverlässiger.
Überhaupt muss auf einem Bauernhof vieles über Monate, Jahre, ja speziell in der Holzwirtschaft über Jahrzehnte bzw. sogar Jahrhunderte hinweg geplant werden und von der derzeitigen Arbeit und Mühe profitieren oft erst zukünftige Generationen. Während ein Denken und Vorausplanen über so lange Zeiträume in weiten Teilen der Wirtschaft und Politik nicht existent ist, wird es von vielen Landwirten/innen als selbstverständlich praktiziert und prägt auch die Einstellung in vielen anderen Bereichen.
Was auf Dun-Hag in nächster Zeit geplant ist:
Auch für heuer sind vier Schweine zur Mast geplant, voraussichtlich Mitte März kommen sie zu uns. Nachdem die Schweinemast 2011 sehr gut geklappt hat und jeder von der Qualität des Fleisches begeistert war, werden wir heuer zwei der vier Tiere selbst verwerten, die anderen zwei bekommt unser Jungbauer Florian (zu ihm in einem späteren Newsletter mehr). Davor muss der Stall noch auf Vordermann gebracht, Beschädigungen aus dem Vorjahr repariert und vor allem der Zaun wieder in Schuss gebracht werden. Zusätzlich sind alle von den Schweinen im Vorjahr aus dem Boden herausgearbeiteten Steine wegzuschaffen und damit der Gemüseanbau in einem Teil vorzubereiten. Wir haben ja ein zweigeteiltes Schweinegehege und nützen die unermüdliche Grabarbeit und die Düngung unserer Freilandschweine zur Arbeitserleichterung beim Anbau von Mais, Kartoffeln, Kürbis und Bohnen. Mehr als eine Tonne Futtergetreide lagert bereits bei uns am Hof und nach der Getreideernte im Frühsommer werden wir noch mal das Doppelte einlagern, ein Teil ist aber auch schon für das nächste Jahr. Wahrscheinlich werden wir dafür alte Wassertanks umfunktionieren, um das Ganze relativ mäusesicher zu machen.
Was bekommen die Schweine sonst noch zu fressen? Jeden Tag morgens und abends eine große Portion Grünfutter, von den Wiesen rund ums Haus gemäht. Außerdem einen kleinen Teil Kürbiskernpresskuchen, ein regionaler Eiweißlieferant. Küchenabfälle gibt es kaum, das meiste bekommen schon die Hühner. Ab dem Sommer und speziell im Herbst gibt es noch jede Menge Obst, einerseits Abfälle aus unserer Verarbeitung und andererseits eigens Gesammeltes. Und als herbstliche Spezialität jede Menge Eicheln, im Freigehege verstreut eine Beschäftigung und ein Leckerbissen.
Ein neues Kaninchengehege muss noch im Frühjahr gebaut werden, die derzeitige Situation ist aufgrund von Krähen und Katzen unbefriedigend und lässt sich nur durch bauliche Maßnahmen verbessern. Die alten Kaninchengehege haben uns immerhin viel Erfahrung gebracht, was funktioniert und was nicht, jetzt ist es aber Zeit für eine langfristigere Lösung.
Themen die uns beschäftigen:
Wohl jeder hat schon etwas davon gehört, und, obwohl ich erst nach dem Ersterscheinungstermin geboren bin, so auch ich. Das Gehörte war aber immer nur aus zweiter oder dritter Hand und daher bin ich auf Empfehlung von John Michael Greer an die Quelle gegangen und habe eines der bekanntesten und meistdiffamierten Bücher der 70er Jahre gelesen "The Limits To Growth", oder auf Deutsch "Die Grenzen des Wachstums".Wohl nichts, was ich jetzt darüber schreiben könnte, ist nicht schon von irgendjemandem irgendwo geschrieben worden. Wer es noch nicht getan hat, dem kann ich die Lektüre dieses schmalen Büchleins nur wärmstens ans Herz legen, für die volle Wirkung empfehle ich die Originalausgabe aus den siebziger Jahren. Nur soviel von meiner Seite: ich bin, was die Menschheit als Ganzes betrifft, sehr pessimistisch, was mich, meine Familie und unser Projekt Dun-Hag betrifft aber (zweck-?) optimistisch.
Passend zum Thema der dieswöchigen Kontemplation vertiefe ich mich derzeit in das Thema Holzgas und hier speziell in die Möglichkeit, Fahrzeuge mit Holz zu betreiben, auch die Stromerzeugung wäre eine Möglichkeit. Was während des zweiten Weltkriegs aus der Not der Rohstoffknappheit heraus mit europaweit mehr als 500.000 Fahrzeugen eine alltägliche Erscheinung war, wurde durch den Überfluss an billigem Erdöl in den nachfolgenden Jahrzehnten schnell vergessen. Bevor ich im nächsten Newsletter auf die Vor- und Nachteile dieser Technik näher eingehe, diesmal ein paar Zahlen als Grundlage.
Das in einem Festmeter Holz enthaltene Holzgas entspricht vom Energiegehalt laut Recherche in etwa 90l Benzin, bei einem Gewicht von ca. 500 – 600kg, je nach Holzart. Schwereres Hartholz hat einen größeren Energiegehalt, leichteres Weichholz einen geringeren.
Der jährliche Holzzuwachs in österreichischen Wäldern ist ca. 31 Millionen Festmeter, bei einer Nutzung von 19 Millionen Festmetern, verbleibt ein ungenutzter Rest von ca. 12 Millionen Festmetern Holz. Das wäre theoretisch ein Äquivalent von 1,1 Milliarden Litern Treibstoff, bei einem Gesamtjahresverbrauch von zuletzt knapp unter 10 Milliarden Litern. Dieser Zuwachs wird derzeit nicht als Brennholz, Bauholz, für Zellstoffe oder die Papierindustrie genutzt, wäre also theoretisch zu 100% nutzbar. In der Steiermark als waldreichstem Bundesland stehen derzeit ungenutzte 2,35 Millionen Festmeter zur Verfügung.
Ein einheitlicher Holzpreis ist nur sehr schwer anzugeben, ist es frisch oder trocken, Scheite oder Hackschnitzel, Hart- oder Weichholz – für alles gibt es unterschiedliche Preise. Prinzipiell dürfte für eine Holzgasanlage für ein Fahrzeug Buchenholz sehr gut geeignet sein, heute werden in den div. Prototypen oft Hackschnitzel verwendet. Bei einem durchschnittlichen Preis von 60 Euro für den Festmeter Holz stehen dem die Kosten für 90 Liter Benzin gegenüber, bei einem Preis von 1,4 Euro/Liter komme ich da auf 126 Euro. Auf den ersten Blick schaut das ja sehr interessant aus, den zweiten Blick gibt es nächste Woche.
Kontemplation:
Aus Wikipedia: In der Regel wird durch ein kontemplatives Leben oder Handeln ein besonderer Empfindungszustand oder eine Bewusstseinserweiterung angestrebt. Eine kontemplative Haltung ist von Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit auf einen Gedanken bestimmt.
von John Michael Greer, 31.1.2007
Die Angewohnheit, Technologie als einen einzigen monolithischen Block zu betrachten, ist einer der großen blinden Flecken unserer Zeit, der sich besonders dann störend bemerkbar macht, wenn es darum geht, in die Zukunft einer deindustrialisierten Zukunft zu blicken. Wie so viele irrige Angewohnheiten bezieht auch diese ihre Stärke aus der Tatsache, dass sie letztlich nicht ganz unrecht hat. In unserer heutigen industriellen Gesellschaft sind sicherlich die meisten Technologien von anderen Technologien abhängig. Damit formt sich ein kompliziertes Netzwerk von gegenseitigen Abhängigkeiten, das eines der hervorstechendsten Merkmale des Neotechnischen Stadiums der Geschichte ist, wie es Lewis Mumford nennt.
Einer der meistzitierten apokalyptischen Autoren meiner Jugendzeit, Roberto Vacca, hat in seinem Buch "The Coming Dark Age" argumentiert, dass diese extreme Vernetzung die Achillesferse unserer industriellen Gesellschaft ist. Sein Hauptargument – dass zu viele Querverbindungen zwischen instabilen Systemen zu einem Dominoeffekt führen werden, in dem einzelne versagende Systeme die gesamte moderne Zivilisation in den Abgrund stürzen werden – hat immerhin jemanden wie Issac Asimov so sehr beeindruckt, dass dieser eine Einführung zu diesem Buch geschrieben hat. Rückblickend hat sich das Buch als peinlich falsch herausgestellt. Wie so viele andere in dieser Zeit hat Vacca das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Der steigende Grad an Abhängigkeiten und Vernetzungen, der sich quer durch die industrialisierte Welt bemerkbar machte, war nicht, wie er es sah, eine unabhängige Kraft, sondern eine Reaktion auf Fortschritte in der Informationsverarbeitung. Weitere Entwicklungen in diese Richtung – im Besonderen das explosive Wachstum der Computertechnologie – waren mehr als ausreichend, um die Entwicklung zu noch größerer Komplexität voranzutreiben.
Trotzdem hatte Vacca Recht, wenn er die gegenseitige Abhängigkeit der heutigen industriellen Gesellschaft als eine entscheidende Schwäche erkannte. Aber diese Schwäche kommt erst zu einem späteren Zeitpunkt als gedacht zum Tragen. Viele unserer heutigen Technologien sind komplett von einem reibungslosen Funktionieren eines riesigen technologischen Komplexes abhängig. Viele andere Techniken könnten zumindest theoretisch ohne ein Unterstützungssystem funktionieren, sind aber derzeit so konstruiert, dass ihre Abhängigkeit möglichst groß ist. Diese Techniken werden schleunigst umgebaut werden müssen, während rund um sie herum das industrielle System zusammenbricht. Und eine letzte Kategorie an Technologie schließlich ist großteils oder komplett vom System unabhängig, man darf daher ruhigen Gewissens ein reibungsloses Funktionieren erwarten, während rundherum unsere moderne Gesellschaft in Trümmer fällt.
Diese drei Kategorien haben beunruhigende Parallelen mit den drei Kategorien, die Mediziner auf einem Kriegsschauplatz verwenden, in einem Prozess der Triage genannt wird. Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und kommt von "trier" = sortieren, dabei handelt es sich um eine Diagnosetechnik, die angewandt wird, wenn die Anzahl der Verwundeten die zur Verfügung stehenden Mittel und Personen übersteigt. Die Verwundeten werden dabei ebenfalls in drei Kategorien eingeteilt. Die erste Klasse sind diejenigen, die auch trotz einer Behandlung sicher sterben werden. Die zweite Klasse beinhaltet alle, die auch ohne Pflege überleben werden. Die dritte Klasse besteht aus den Verwundeten, die mit entsprechender Pflege überleben werden, ohne Behandlung aber sterben werden. In einer Triage-Situation werden alle Mittel auf diese dritte Kategorie konzentriert. Wenn der erforderliche Behandlungsaufwand die zur Verfügung stehende Zeit und die vorhandenen Ressourcen übersteigt, maximiert diese brutale aber notwendige Logik die Anzahl der Überlebenden.
Die Zukunft einer deindustrialisierten Gesellschaft verlangt von uns eine ähnliche Herangehensweise in Bezug auf Technologien. Die technologische Triage verlangt jedoch komplexere Beurteilungen als auf dem Schlachtfeld. Nicht jede Technologie ist für unser Überleben gleich wichtig, es wird uns zum Beispiel recht wenig nützen, wenn wir Videospiele bewahren und deshalb die Fähigkeit verlieren, Lebensmittel anzubauen. Manche Technologien hängen unmittelbar von anderen ab – Schusswaffen setzen beispielsweise ein gewisses metallurgisches Wissen voraus. Zu guter Letzt beinhaltet die technologische Triage auch vier Kategorien, und nicht drei. Es gibt Technologien, die unter keinen Umständen gerettet werden können, ebenso gibt es solche, die auf jeden Fall bestehen bleiben, auch wenn wir nichts unternehmen. Natürlich gibt es auch solche Technologien, die bewahrt werden können, wenn wir handeln und die verschwinden werden, wenn wir es nicht tun. Zuguterletzt gibt es eine Kategorie von Technologien, die heute schon wieder in Vergessenheit geraten sind, die wir aber zurückbringen und verwenden können, wenn wir jetzt handeln.
Ein wichtiger Punkt ist, dass wir eigentlich jederzeit mit der Triage von gegenwärtigen und vergangenen Technologien starten können und es ist von höchster Dringlichkeit, mit diesem Prozess so schnell wie möglich zu beginnen. Je mehr die angeführten Prinzipien von den Leuten, die die gegenwärtige Lage unserer Industriegesellschaft klar erkennen und etwas dagegen unternehmen wollen, verstanden werden, wenn sie die Technologien auszusortieren beginnen, desto weniger Zeit und Arbeit wird verschwendet werden und desto weniger verpasste Chancen müssen wir später bedauern. Besonders in der vierten Kategorie, Technologien, die heute bereits wieder in Vergessenheit geraten sind, ist es von größter Wichtigkeit jetzt die Arbeit zu beginnen, solange es noch relativ einfach ist, sich Informationen zu beschaffen oder noch vorhandene Exemplare ausfindig zu machen und zu studieren. Wenige Jahre können hier sehr leicht den Unterschied zwischen Erfolg oder Fehlschlag bedeuten.
Welche Fragen müssen wir uns also stellen, bevor Peak-Oil, der Klimawandel oder die selbstmörderische Kurzsichtigkeit unserer modernen Industriegesellschaft die ersten Technologien zu unserer erfundenen Triage-Station schicken? Die folgende Liste mag als der Beginn einer Diskussion dienen.
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Wie lange kann eine Technologie in einer deindustrialisierten Welt mit Brennstoff versorgt und gewartet werden? Die Tatsache von Peak-Oil macht diesen Punkt ziemlich offensichtlich, trotzdem gibt es einige Fallstricke zu beachten, die viele Leute in der Peak-Oil Szene vielleicht noch nicht in allen Dimensionen erfasst haben. Sinkende Verfügbarkeit und steigende Preise von Erdöl beeinträchtigen ebenso das Angebot an Schmierstoffen, Lösungsmitteln und Kunststoffen und nicht nur Treibstoffe selbst. Alles, was etwas von diesen Dingen zum Betrieb benötigt, muss entweder eine Alternative finden oder es wird auf dem Schrottplatz der Geschichte landen. Die selben Faktoren betreffen die gesamte Liefer- und Produktionskette für Treibstoffe, Ersatzteile und Betriebsstoffe, ad infinitum.
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Wie lange kann es in einer deindustrialisierten Welt hergestellt oder ersetzt werden? Das ist eine deutlich höhere Hürde als der erste Punkt, denn die Möglichkeiten, komplexe Technologien herzustellen – zum Beispiel die meiste moderne Elektronik – werden wahrscheinlich auf der Kurve des technologischen Abstiegs sehr viel eher verloren gehen als die Fähigkeiten, diese Technologien am Laufen zu halten. Eine spezielle Kategorie an Technologien – ich nenne sie das "Technologische Vermächtnis" – fällt genau in den Grenzbereich dieser zwei Schwellen. Dabei handelt es sich um Maschinen, die noch jahre- oder jahrzehntelang in Betrieb gehalten werden können, lange nachdem die Fähigkeit oder Möglichkeit zu ihrer Herstellung verloren gegangen sind. Das Ringen um die Kontrolle verschiedener technologischer Vermächtnisse kann in einem Zeitalter des technologischen Kollapses sehr leicht eine Quelle blutiger Konflikte werden.
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Wie lange wird es in einer deindustrialisierten Welt von Nutzen sein? Viele unserer heutigen Technologien sind schon jetzt nutzlos. Ich fordere jeden meiner Leser heraus, mir eine sinnvolle Definition von "nützlich" im Zusammenhang mit tanzenden Weihnachtsmannpuppen zu geben. Vieles andere wiederum hat nur deshalb einen Nutzen, weil es diejenigen Technologien unterstützt oder ermöglicht, die in einem Zeitalter der Beschränkungen nicht mehr machbar sind. Irgendwann fällt wegen ständig steigender Treibstoffkosten der Vorhang über die Ära des Massentransports per Flugzeug. Ganze Technologiekategorien, die den Betrieb von Flugzeugen und Flughäfen ermöglichen, werden dadurch obsolet. Wenn sie keinen anderen Nutzen haben, ist ihre Rettung sinnlos.
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Wie lange wird es dauern, bis etwas in einer deindustrialisierten Welt nützlich wird? Das ist die Kehrseite des dritten Punktes. Viele Dinge, die heute nur noch als Museumsstücke oder kurioses Hobby ihr Dasein fristen, werden etwas weiter entlang der Kurve des technischen Zusammenbruchs wieder nützlich und sogar lebensnotwendig werden. Man beachte das Wissen, das notwendig ist um einen hölzernes Rahsegler zu bauen, auszustatten und zu betreiben. Im Moment überleben solche Schiffe nur als Relikte der Vergangenheit, die wegen unserer Faszination der eignen Geschichte gegenüber erhalten werden. Ein oder zwei Jahrhunderte in der Zukunft könnten solche Schiffe sehr wahrscheinlich das Rückgrat des maritimen Welthandels sein, ein Netzwerk ähnlich dem interkontinentalen Seehandel um 1800. Schritte, die heute unternommen werden, um diese "veraltete" Technologie zu erhalten, könnten sich auf dem Abstieg entlang Hubberts Kurve später noch sehr bezahlt machen.
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Wie viele menschliche Bedürfnisse und Technologien können unterstützt werden? Manche Technologien haben ein sehr schmales Anwendungsspektrum, manche ein sehr breites. Biologische Landwirtschaft zum Beispiel hat ein extrem vielseitiges Anwendungsspektrum: die Produktion von Lebensmitteln und Heilkräutern, Pflanzenölen als Treibstoff und Schmiermittel sowie eine unüberschaubare Brandbreite an Rohmaterialien für Handwerk und Kleinindustrie. Somit ist dies eine völlig andere Kategorie als beispielsweise Linsenschleifen, das außer optischen Linsen nichts beitragen kann. Beide haben in ihrem Zusammenhang einen Wert, sollten aber in einem Zeitalter der Rohstoffknappheit unterschiedliche Prioritäten genießen.
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Welche Kategorie an menschlichen Bedürfnissen und anderen Technologien kann unterstützt werden? Manche Bedürfnisse oder Technologien sind wichtiger als andere. Die menschlichen Grundbedürfnisse Essen, Trinken, Schutz vor den Elementen und Sicherheit übertreffen an Dringlichkeit andere Überlegungen. Alle Technologien, die der effizienteren Befriedigung dieser Grundbedürfnisse dienen, gehören an die Spitze der Triage-Liste. Das ist ein weiterer Grund, weshalb biologische Landwirtschaft unsere besondere Beachtung verdient, wenn es darum geht, verschiedene Technologien für unsere Zukunft auszusortieren – viele unserer Grundbedürfnisse werden von der biologischen Landwirtschaft erfüllt. Jenseits der Grundbedürfnisse schaut jede Prioritätenliste anders aus, und das ist auch gut so. Ist die Möglichkeit des Buchdrucks denn mehr oder weniger wichtig als die Möglichkeit zur Heilung von Krankheiten, bei denen Kräuter nicht mehr helfen? Solche und ähnliche Fragen müssen wir sehr ernsthaft diskutieren, wenn wir beginnen, zu entscheiden, was wir retten wollen.
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Welche Verpflichtungen ergeben sich aus einer Investition in eine Technologie? Ohne Ausnahme haben alle Technologien Konsequenzen und ziehen Verpflichtungen nach sich. Durch die Bindung an das Automobil, mit der fast gänzlichen Verdrängung aller anderen Arten des Massentransports, hat sich Amerika dazu verpflichtet, um jeden Preis ausreichend günstiges Erdöl zur Verfügung zu stellen. Das hat uns das Schlamassel im Irak eingebracht und unsere nationalen Interessen sind in einem Dutzend verschiedener Regionen der Erde in die Geiselhaft von jahrhundertealten religiösen und ethnischen Streitigkeiten geraten. Nur wenige andere Technologien haben so desaströse Konsequenzen, jedoch schließt jede Auswahl in einer Richtung Türen in einer anderen Richtung. Wenn die Menschen der Peak-Oil Community sich verschiedene Modelle für eine deindustrialisierte nahe und sogar für eine entindustrialisierte ferne Zukunft überlegen, sollten sie sich der Konsequenzen und Verpflichtungen den geplanten Technologien gegenüber bewusst sein, um uns eine Vielzahl von Sackgassen und Irrwegen zu ersparen.
Mo
06
Feb
2012
Dun-Hag Newsletter Nummer 1
Herzlich Willkommen beim Dun-Hag Newsletter
Mit diesem Newsletter wollen wir den Kontakt mit allen Interessenten/innen an unserem Projekt intensivieren, dabei in einen Dialog mit euch treten (bitte um Kommentare!) und euch über Interessantes und Wissenswertes unseren Hof betreffend informieren. Zusätzlich wird es in jedem Blogpost einen Text als Diskussionsgrundlage geben, für die ersten paar Newsletter handelt es sich dabei um Übersetzungen eines anderen Blogs, des "Archdruid Reports", der wöchentlich in englischer Sprache erscheint.
Für unseren eigenen Newsletter ist ebenfalls ein wöchentlicher Erscheinungstermin geplant, zumindest solange die Arbeitsbelastung am Hof es zulässt. Nochmals: Herzlich Willkommen zum ersten Dun-Hag Newsletter und viel Spass beim Lesen!
Natürlich freuen wir uns auch über Beiträge von euch, Inhalt bitte per e-mail an uns.
Was auf Dun-Hag in letzter Zeit geschah: In den letzten Tagen und Wochen haben wir die Treffen mit vielen Interessenten an unserem Projekt sehr genossen. Es freut uns riesig, dass die Resonanz so positiv ist. Noch immer melden sich Interessenten/innen in regelmäßigen Abständen und wir versuchen immer, so bald wie möglich ein erstes Treffen zu vereinbaren. Einige von Euch konnten wir auch schon auf unserem Hof begrüßen und den derzeitigen Stand der Dinge näher präsentieren.
Der Winter hat seit einer Woche unseren Hof fest im Griff, Tageshöchsttemperaturen im Minusbereich machen ein Arbeiten im Freien sehr ungemütlich, "Gott-sei-Dank" gibt es ja auch drinnen etwas zu tun. Schnee ist in diesem Winter noch keine nennenswerte Menge gefallen, gepaart mit einem ungewöhnlich regenarmen Herbst sorgt die Trockenheit bei uns für ein paar Sorgenfalten, was die heurige Saison betrifft. Erfreulicherweise hat jedoch unser großer (Himmels)Teich noch immer einen ausreichenden Wasserstand, sodaß wir guten Gewissens im Frühjahr den Teich mit Fischen bestücken werden.
Ein mysteriöses Hähnesterben sorgte in letzter Zeit für einige Frustration. Nachdem wir vor einem Monat von Bekannten eine Schar Seidenhühner im Austausch für zwei Sulmtaler-Hähne bekommen hatten, befolgten wir die übliche Quarantänezeit für Neuzugänge. Stressinduzierte Todesfälle sind bei einer Übersiedlung von Hühnern nichts Ungewöhnliches, deshalb hat uns der baldige Tod eines Seidenhahnes nicht weiter beunruhigt, die anderen Neuzugänge schienen wohlauf zu sein. Seit der Zusammenlegung von Sumtalern und Seidenhühnern hatten wir jedoch in unregelmäßigen Abständen insgesamt acht Todesfälle, davon sechs Hähne. Ursache wie so oft bei Geflügel unbekannt, die Tiere wirken wohlauf, fressen bis zum Schluss, lassen plötzlich das Gefieder hängen und sind ein paar Stunden später tot.
Lehren für diese Saison: ein neues, größeres Geflügelhaus wird gebaut, mit verschiedenen Trennungs- und Quarantänemöglichkeiten (auch für brütende Hennen), drastische Hähnereduktion vor dem Winter um Stress in der Schar zu vermindern und etwas mehr Zusatzfutter in der kältesten Zeit.
Was auf Dun-Hag in nächster Zeit geplant ist: Nachdem die Saatgut-Kataloge schon vor einiger Zeit studiert wurden und alle Bestellungen in Kürze einlangen werden, wirft das Vorziehen seine ersten Schatten voraus. Da das große Gewächshaus erst heuer im Frühjahr gebaut wird (ich weiß, ich weiß, das war schon für letzten Herbst geplant...), ist die Holzwerkstatt als Kreissaal auserkoren worden. Viel Licht und nicht zu warm sind die optimalen Bedingungen, um in Kürze mit dem Vorziehen von Gemüse zu beginnen.
Der zweite Schwerpunkt in nächster Zeit ist die Waldarbeit. Die Ausrüstung wird von mir diese Woche überprüft und evtl. ergänzt und am Samstag (so es das Wetter zulässt) geht es erstmals in dieser Saison mit den ersten Dun-Hag Freunden in unseren Wald zum Holzschlägern. Einige Bäume möchte ich mit meiner neuen Fällaxt von GRÄNSFORS BRUKS schlägern, erste Versuche an kleinen Stämmen waren sehr vielversprechend. Eine Zugsäge wird diesmal auch mitgenommen, der Großteil der Arbeit wird aber aus Effizienzgründen (leider?) mit der Motorsäge passieren.
Themen die uns beschäftigen: Winterzeit ist Lesezeit auf Dun-Hag. Fast täglich darf der arme Postbote derzeit ein neues Päckchen mit Büchern anliefern. Gemeinschaftsbildung ist dabei ein Schwerpunkt unseres Studiums, das Empowerment Manual von Starhawk hat uns besonders gut gefallen.
An einem der letzten Videoabende haben wir uns eher zufällig Der einzige Zeuge mit Harrison Ford angesehen. Mehrere Dokus und ein Buch später wissen wir zwar theoretisch viel Interessantes über die Amish, ob wir aber schlauer geworden sind, welche Lehren sich für eine Gemeinschaft ziehen lassen, ist noch nicht klar. Gartenbücher landen jetzt auch immer öfter auf den diversen Lesestapeln, speziell unser heuriger Gartenschwerpunkt Kompost hat viele Facetten.
In einer Dokumentation über Peak-Oil wurde die Treibstoffproduktion aus Algen als möglicher Lösungsansatz präsentiert. Nach einigen Recherchen im Internet ergibt sich für mich folgendes Bild: Weder ökonomisch noch größenordnungsmäßig ist die Produktion von Biosprit aus Algen ein gangbarer Weg, zumindest nicht solange Treibstoff in irgendeiner Form für Normalsterbliche leistbar sein soll. Die Grenzen des Wirkungsgrades scheinen dabei für mich als Laien systemimmanent zu sein, auf einen wissenschaftlichen Durchbruch zu warten ist daher nicht angebracht.
Kontemplation:
Aus Wikipedia: In der Regel wird durch ein kontemplatives Leben oder Handeln ein besonderer Empfindungszustand oder eine Bewusstseinserweiterung angestrebt. Eine kontemplative Haltung ist von Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit auf einen Gedanken bestimmt.
In dieser Rubrik möchte ich in den nächsten Wochen ausgewählte Texte von John Michael Greer vorstellen. Greer hat, gelinde gesagt, eine interessante Biografie, im Zusammenhang mit unserem Projekt interessieren uns vor allem seine Ideen in Bezug auf Peak-Oil, die Geschichte unserer Zivilsation und die Psyche des Homo Industrialicus. Natürlich stimme ich nicht 100%ig mit seinen Ansichten überein, jedoch kenne ich sonst niemanden mit einer solche Fülle an originellen, plausiblen und interessanten Gedanken über unsere Zukunft.
"Den Pfad des Druiden kann man überall gehen, aber zumindest für mich ist es draußen in der Natur, umgeben von grünen, wachsenden Dingen, immer ein bisschen einfacher. Dazu ist keine Wildnis nötig, einige der intensivsten spirituellen Erfahrungen meines Druidenlebens haben während einer Woche von Morgenmeditationen in den Gärten von Chalice Wells in Glastonbury stattgefunden. Und in den letzten fünftausend Jahren hat es dort keine Wildnis mehr gegeben. Andererseits kann ich einer Wiese neben einem Bach in den Oregon Cascades auch einiges abgewinnen, wenn sich die Sonne gerade durch den Morgennebel kämpft und die entfernten Geräusche der Frühstückscrew aus dem Camp durch die Geräusche von Vogelgezwitscher und Bachgeplätscher übertönt werden. Dort befand ich mich gerade, mitten in meiner Morgenmeditation, als sich folgende drei Sätze flüsternd in der Stille meines Kopfes breitmachten:
Viele Geschichten kennen ist Weisheit.
Keine Geschichten kennen ist Unwissenheit.
Nur eine Geschichte kennen ist der Tod.
Seit diesen Morgen vor eineinhalb Jahren habe ich über diese Sätze gegrübelt und je mehr ich über sie nachdenke, desto mehr verraten sie mir, wo wir heute stehen und wie wir hierher gekommen sind.
Traditionelle Kulturen rund um den Globus haben eine Fülle an Geschichten und ein großer Teil ihrer Erziehung besteht aus dem Erzählen, Lernen und dem Nachdenken über diese Geschichten. Diese Erzählungen sind nicht einfach Unterhaltung. Geschichten sind wahrscheinlich das älteste und wichtigste Werkzeug der Menschheit. Wir denken mit Geschichten, indem wir das "blühende, summende Chaos" des Universums in Erzählungen verpacken, um ihm einen Sinn zu geben. Auch heute verwenden wir Geschichten, um uns zu vergewissern wer wir sind, wie die Welt beschaffen ist und was wir mit unseren Leben tun oder nicht tun können. Es ist nur so, dass sich die Geschichten heutzutage verändert haben.
Eines der auffälligsten Merkmale älterer Erzählungen, der Geschichten traditioneller Kulturen, ist die Tatsache, dass die Moral jeder Geschichte anders ist. Man denke nur an die Märchen unserer Kindheit. Verschiedene Personen befanden sich in unterschiedlichen Situationen, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Manchmal führte der Regelbruch zum Erfolg (Hans und die Bohnenranke), manchmal führte es zur Katastrophe (Dornröschen). Manchmal gehörte der Sieg den Geduldigen und Bescheidenen (Aschenputtel), manchmal gehörte der Erfolg dem Wagemutigen, der das Unmögliche versuchte (Der gestiefelte Kater). Es gibt natürlich allgemeine Themen in den alten Geschichten, aber in unzähligen Variationen. Diese Variationen sind eine Quelle großer Kraft. Wenn man seine Gedanken mit dieser Fülle an Geschichten formulieren kann, dann steigen unsere Chancen, für jede Situation, in der man sich in einer komplizierten Welt befinden mag, die passende Geschichte zu finden, um der Welt einen Sinn zu geben.
Im Laufen der letzten Jahrhunderte jedoch, speziell im industriellen Westen, ist diese Fülle an Geschichten traditioneller Kulturen immer weniger geworden, sodass wir heute oft eine einzige Geschichte in unserem Denken über alle anderen stellen. Egal welche gängige politische oder religiöse Ideologie wir herausgreifen, es ist sehr wahrscheinlich, dass im Kern dieser Ideologie die Behauptung steht, dass nur eine, und zwar diese eine Geschichte, die Welt zu erklären vermag.
Für fundamentale Christen ist es die Geschichte des Sündenfalls und der Erlösung, die mit der Wiederkehr Christus enden wird. Für Marxisten ist es die sehr ähnliche Geschichte des dialektischen Materialismus, die mit der Herrschaft des Proletariats endet. Für Rationalisten, Neokonservative, die meisten Wissenschafter und eine große Anzahl an gewöhnlichen Menschen in der entwickelten Welt ist es die Geschichte des Fortschritts. Die politische Linke und Rechte haben jeweils ihre eigene Geschichte, und so geht die Liste immer weiter.
Ein Charakteristikum des "Nur eine Geschichte Kennens" ist die Gewissheit, dass sich, egal welches Problem auftaucht, immer dieselbe Lösung anbietet. Für fundamentalistische Christen ist, egal welches Problem, die Lösung, seinen Willen Jesus zu überantworten – oder um genauer zu sein, seinen Willen demjenigen zu überantworten, der behauptet genau zu wissen, was Jesus möchte, dass du tust und wen du wählst. Für Marxisten ist die Lösung aller Probleme die proletarische Revolution. Für Neokonservative ist der freie Markt die Lösung. Für Wissenschafter ist es mehr Forschung und Bildung. Für Demokraten ist die Lösung einen Demokraten zu wählen, für Republikaner einen Republikaner zu wählen.
Das Problem ist nur, dass unser Universum, wie es Ökologen auszudrücken pflegen, ein komplexes System ist. In einem komplexen System sorgen Rückkopplungseffekte und unbeabsichtigte Konsequenzen dafür, dass alle Versuche, mit simplen Ursache-Wirkung Beschreibungen zu arbeiten, zum Scheitern verurteilt sind. Eine einzige Lösung kann nur in einem kleinen Teilbereich erfolgreich sein und kann nicht alle Probleme eines komplexen Systems lösen. Das führt uns zu dem zweiten Charakteristikum des "Nur eine Geschichte Kennens", und das ist das wiederholte Scheitern.
Die jüngere Wirtschaftsgeschichte liefert uns ein Paradebeispiel. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Anhänger des freien Marktes in der Weltbank und im Internationalen Währungsfonds Regierungen und Volkswirtschaften rund um den Erdball immer wieder dasselbe Bündel an Reformen "empfohlen", in der Gewissheit, dass diese Reformen die einzige Lösung für alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind.
Wo auch immer diese Reformen umgesetzt wurden, das Resultat war ein wirtschaftliches und soziales Disaster – etwa in Asien in den späten 80ern oder in Russland und Lateinamerika in den 1990ern – und die von diesen Reformen verwüsteten Länder haben erst nach Umkehr der Reformen zum Wohlstand zurückgefunden. Nichts davon hat die Befürworter des ungezügelten freien Marktes davon abgehalten, weiter für das imaginäre Utopia ihrer Geschichte zu kämpfen.
Wenn man viele Geschichten kennt und weiß, wie man sie benützt, ist die Komplexität des Universums weniger problematisch. Man hat dadurch eine bessere Chance, die zu Grunde liegenden Geschichten zu erkennen, nach der das Geschehen um einem herum abläuft und hat somit mehr Handlungsmöglichkeiten. Wenn man gar keine Geschichten kennt, kann man interessanterweise trotzdem ganz gut zurechtkommen. Es gibt dann zwar keinen Fundus an Geschichten, um darauf zurückzugreifen, jedoch kann man Situationen unvoreingenommen beurteilen und zielgerichtet agieren, man ist also flexibel.
Wenn man aber nur eine Geschichte kennt und von der Idee besessen ist, dass nur durch den Filter dieser einen Geschichte die Welt einen Sinn zu ergeben hat, ist man in dieser starren Haltung gefangen und hat keine Alternativen parat. In den meisten Fällen wird man scheitern, denn die inhärente Komplexität des Universums ist derartig, dass eine einzige Geschichte ihr keinen generellen Sinn geben kann, sondern nur in kleinen Teilbereichen funktioniert. Das zu erkennen und diese Geschichte loszulassen, ist der Beginn eines Lernprozesses. Wenn man sein Ego jedoch durch die einzig wahre Geschichte definiert, und deshalb versucht, die ganze Welt in diese einzige Geschichte hineinzupressen, anstatt zuzulassen, dass die Welt die Geschichte verändern kann, wird das Ergebnis nicht gut sein.
Das führt uns zum dritten Charakteristikum des "Nur eine Geschichte Kennens" und das ist der Zorn. Scheitern ist ein Geschenk, das uns erlaubt zu lernen. Wenn es aber emotional zu schwierig ist, dieses Geschenk anzunehmen, bleibt als einfacherer Ausweg der Zorn. Ich habe den Verdacht, dass, wenn wir auf andere Menschen wütend sind, weil sie mit uns nicht übereinstimmen, wir vor allem deshalb auf sie wütend sind, weil unsere Geschichte nicht immer und überall passt und uns diese unangenehme Tatsache durch diese anderen Menschen deutlich vor Augen geführt wird.
Eine Menge Experten und auch viele gewöhnliche Menschen kommentieren das große Maß an Wut und Zorn im Amerika der Gegenwart. In Radioshows wie in politischen Debatten und auch in normalen Gesprächen ist Dialog durch Hetzrede ersetzt worden, quer durch das politische Spektrum. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass das im letzten Vierteljahrhundert geschehen ist, als sich die großen Erzählungen der beiden amerikanischen Parteien als untauglich herausgestellt haben, die Welt zu erklären. In den 60ern und 70ern des 20. Jahrhundert hatten die Demokraten die Chance, ihre Reformen umzusetzen, in den 1980er und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hatten die Republikaner dieselbe Möglichkeit. Beide Parteien erlebten eine widerspenstige Realität, die so gar nicht mit ihrer Erzählung übereinstimmten wollte. Das Resultat war auf beiden Seiten Zorn und Schuldzuweisungen, um nicht die eigenen Ideen überdenken zu müssen.
Diese Angewohnheit ist weder für uns noch für andere hilfreich, ganz besonders, weil wir uns auf eine Zukunft zubewegen, in der die meisten der vertrauten Geschichten unseres Kulturkreises in Fetzen gerissen werden. Die unausweichliche Realität von Rohstoffverknappung und Umweltzerstörung, und der unausweichliche Kater nach einem Jahrzehnt eines irrealen, wirtschaftlichen Gelages mögen es zwar emotional verständlich machen, dass wir an lieb gewonnen Geschichten so lange wie möglich festhalten wollen, um uns kurzfristig besser zu fühlen, langfristig führt uns diese Haltung aber in eine Sackgasse, die allen, die die Historien untergegangener Zivilisationen studiert haben, bekannt vorkommen wird. Andere Geschichten zu lernen, um festzustellen, dass man die Welt auch aus anderen Blickwinkeln betrachten kann, ist ein besserer Weg."
dun hag
